Typische rhetorische Strategien, Fehlschlüsse und Scheinargumente von Klimawandelleugnern- bzw. -skeptikern (von Benjamin Kraus)

Wie in meinem letzten Blogbeitrag beschrieben, gibt es im Wesentlichen drei Arten von Klimawandelskepsis bzw. -leugnung. Nämlich 1) Trendskepsis, die Leugnung der Erwärmung der globalen Durchschnittstemperatur; 2) Attributionsskepsis, die Leugnung, dass jene Erwärmung menschengemacht ist, und 3) Auswirkungsskepsis, das Abstreiten, dass menschliches Handeln die Auswirkungen des Klimawandels reduzieren kann.

Ebenfalls habe ich in dem Beitrag zwischen Klimawandelskepsis und Klimawandelleugnung unterschieden, da die Begriffe zwei verschiedene Dinge bezeichnen. Ersteres kann etwa durch legitimen Zweifel begründet sein, weswegen diese Menschen leichter mit Argumenten zu erreichen sind, wobei zweiteres vor allem ideologisch begründet ist und teilweise bewusst täuscht. 

In diesem Artikel werde ich die Begriffe jedoch synonym verwenden und von Klimawandelleugnung im Allgemeinen sprechen und typische Argumentationsstrukturen, Fehlschlüsse und rhetorische Tricks analysieren.

Typische logische Fehlschlüsse und Scheinargumente:

Klimawandelleugnung funktioniert unter anderem durch das Verbreiten von Falschinformationen, ob diese selbst geglaubt werden oder bewusst verbreitet werden, ist dabei nebensächlich. Um zu verstehen, wie diese Falschinformationen funktionieren, soll zunächst eine Reihe von Scheinargumenten der Klimawandelleugner*innen mittels verschiedener Kategorien von Fehlschlüssen eingeordnet werden.

Als Fehlschlüsse werden Schlussfolgerungen bezeichnet, die nicht explizit aus den jeweiligen Annahmen abgeleitet werden können. Informale Fehlschlüsse stellen eine besondere Klasse von Fehlschlüssen dar, die nicht nur aufgrund der Argumentform fehlerhaft sind, sondern auch durch sprachlichen Inhalt und Kontext. Im Folgenden wird diese zweite Art von Fehlschlüssen behandelt.

Scheinkausalität (false cause) und Appell an die Natürlichkeit (appeal to nature):

Ein klassisches Argument, welches unter Attributionsskepsis fällt, ist die Behauptung, dass sich das Klima immer schon verändert hat und dass die derzeit beobachtete Erwärmung auf natürliche Schwankungen zurückzuführen ist; etwa auf Aktivitätsschwankungen der Sonne. Hier wird eine Scheinkausalität suggeriert, der Fehlschluss der Scheinkausalität besteht in der “Annahme, dass die echte oder eingebildete Beziehung zweier Dinge zueinander bedeutet, dass die eine die Ursache der anderen ist.” [1] Tatsächlich wirkt sich Sonnenaktivität auf das Erdklima aus, aber in einem so geringen Ausmaß, dass es mit der durch Treibhausgasemissionen bewirkten Temperaturerhöhung in keinem Verhältnis steht. 

Eine ähnliche Variante eines Scheinkausalitäts-Fehlschlusses besteht in der Behauptung, dass Vulkane sehr viel mehr CO2 als Menschen verursachen würden und Menschen daher nichts gegen den Klimawandel tun können. Das stimmt nicht, Vulkanausbrüche und deren überschaubare Schwankungen können den Anstieg der globalen Durchschnittstemperatur seit der Industrialisierung nicht erklären.

Dies kann man auch als einen Appell an die Natürlichkeit Fehlschluss verstehen. Dieser besteht darin zu “argumentieren, dass nur weil etwas „natürlich“ ist, es deswegen auch gültig, berechtigt, unausweichlich, gut oder vollkommen sein muss.” [2] Würden diese Scheinargumente stimmen, könnte menschliches Verhalten nichts am Klimawandel ändern. Dieses Argument fiele dann in die Kategorie Auswirkungsskepsis, aber würde nicht bedeuten, dass der Klimawandel harmlos sei oder von selbst verschwindet. Dies wird durch die Betonung der Natürlichkeit jedoch suggeriert. Ein ähnlicher Fall dieses Fehlschlusses liegt vor, wenn behauptet wird, CO2 kann schon nicht so schlimm sein, weil Pflanzen es zum Überleben brauchen. Dies übersieht, dass die Dosis das Gift macht und eben menschengemachtes CO2 durch Verbrennung fossiler Brennstoffe zusätzlich in den natürlichen Kreislauf eingebracht wird. Denn dies stört das natürliche Gleichgewicht und verstärkt den Treibhauseffekt.

Zielscheibenfehler/Rosinenpicken (texas sharpshooter/cherry picking):

In den oben beschriebenen Beispielen sieht man gut, dass Klimawandelleugner:innen oft wissenschaftlich klingende Argumente formulieren, diese aber falsch oder zumindest stark verkürzt bzw. aus dem Kontext gerissen sind. Dies wird durch den Fehlschluss des Rosinenpickens bzw. Zielscheibenfehler beschrieben: “Du hast dir nur die Daten herausgepickt, die dein Argument belegen, oder du hast ein Muster gefunden, das deine Mutmaßung stützt.” [3]

Hier werden wissenschaftliche Tatsachen einseitig so verwendet, dass diese die eigene Argumentation stützen, wobei entgegengesetzte Ergebnisse bewusst ignoriert werden. Wie etwa bei den oben beschriebenen Argumenten, welche sich auf Sonnenaktivität und Vulkanausbrüche stützen. Sieht man sich jedoch die breitere wissenschaftliche Erkenntnis und Einordnung an, wird schnell klar, dass an den Behauptungen nichts dran ist.

Eminenzbasierung (appeal to authority),  Argumentum ad hominem und kein echter Schotte (no true scotsman):

Der Versuch der Wissenschaftlichkeit seitens der Klimawandelleugner:innen bedeutet, dass sich diese auch auf Wissenschaftler:innen berufen müssen. Da der überwiegende Konsens in der Atmosphären- und Klimawissenschaft jedoch einen menschengemachten Klimawandel anerkennt, besteht der Bedarf nach alternativen Expert:innen. Um widersprechende Expert:innen zu diskreditieren und die selbst zitierten Expert:innen als relevant darzustellen, gibt es verschiedene Techniken und Scheinargumente.

Der Fehlschluss der Eminenzbasierung liegt vor, wenn man etwas “deswegen als wahr bezeichnet, weil es der Meinung einer Person mit entsprechender Fachkenntnis entspricht.” [4] Natürlich ist Fachkenntnis wichtig, jedoch ist ein Argument nicht automatisch wahr, weil es auf der Kenntnis einzelner Expert:innen beruht. Deshalb ist der Fachkonsens in der Wissenschaft so wichtig, also die Übereinstimmung von Fachleuten zu einem Thema durch wechselseitige Überprüfung der verfügbaren Daten und Evidenz. Denn Einzelpersonen können falsch liegen, aber eine Übereinstimmung der überwältigenden Mehrheit der Expert:innen in einem Fachbereich legt eine gewisse Robustheit der Aussagen nahe. 

Das Argumentum ad hominem, also ein gegen den Menschen gerichtetes Argument, bedeutet den “Charakter oder eine persönliche Eigenschaft des Diskussionsgegners” angreifen, “um dessen Argumentation zu untergraben.” [5] Dies sieht man häufig, wenn etwa behauptet wird, die Aussagen eines Experten/einer Expertin oder einer Institution wären falsch, weil diese/r gekauft oder Teil einer Verschwörung sei oder andere Charaktereigenschaften herangezogen werden, um die Argumentation zu diskreditieren. Dieser Fehlschluss manifestiert sich auch in abschätzigen Aussagen wie “Lügenpresse” oder “Mainstream-Wissenschaft”.

Zuletzt kommt hier noch der kein echter Schotte Fehlschluss zu tragen, der “eine Art „Appell an die Reinheit“, um berechtigte Kritik […] abzuweisen” darstellt. [6] Dies kann auch als eine Variante des ad hominem Arguments verstanden werden. Dies äußert sich etwa darin, wenn man Klimawandelleugner:innen Daten oder Aussagen von Expert:innen präsentiert, die die Aussagen der Klimawandelleugner:innen widerlegen, und diese dann  die Expert:innen als keine echten Expert:innen diskreditieren, weil sie willkürliche Reinheitskriterien nicht erfüllen. Etwa, wenn ein Experte sehr erfolgreich und reich ist und dann behauptet wird, er hätte dadurch andere Interessen als jene an der Wahrheit und er Teil der Mainstream-Wissenschaft sei. Oder in Aussagen wie: “Ein echter Wissenschaftler glaubt nicht an den CO2 Mythos”. Dies stellt einen Fehlschluss dar, weil nicht auf den Inhalt der Aussage des Experten eingegangen wird, sondern dieser als gültige Stimme in der Diskussion abgelehnt wird, um die Funktion zu erfüllen, sich gegen Widerlegungen zu immunisieren. 

Persönliche Skepsis (personal incredulity) und Anekdotenargument:

Der Fehlschluss der persönlichen Skepsis besteht in der “Behauptung, etwas wäre wahrscheinlich nicht wahr, weil man es schwer verständlich findet oder nicht weiß, wie es funktioniert.” [7] Dies äußert sich etwa, wenn der Klimawandel als nicht existent oder menschengemacht betrachtet wird, weil Personen sich nicht vorstellen können, wie der Treibhauseffekt funktioniert. Also, dass Treibhausgase Sonnenwärme speichern und dadurch die Atmosphäre erhitzen. Die Welt und natürliche Prozesse können so komplex sein, dass sie nicht für jeden verständlich sind. Daraus folgt aber nicht, dass etwas nicht wahr ist, nur weil man es nicht versteht oder es schwer vorstellbar ist.

Anekdotenargumente bedeuten “eine persönliche Erfahrung oder ein einzelnes Beispiel anstelle eines soliden Arguments oder überzeugender Beweise verwenden, insbesondere um Statistiken zu widersprechen.” [8] Wenn etwa behauptet wird, dass es den Klimawandel nicht geben kann, weil der letzte Sommer gar nicht so heiß oder der letzte Winter sehr kalt war, stellt dies ein Anekdotenargument dar. In Statistiken kann es immer Ausreißer geben, wenn ein Trend im Durchschnitt vorliegt. Das heißt, ein einzelner Ausreißer kann den Trend nicht widerlegen. Diese beiden Scheinargumente beziehen sich in diesem Fall auf Trendskepsis.

Tu quoque Fehlschluss und Schwarzweißmalerei bzw. falsches Dilemma (false dilemma):

Tu quoque, ist aus dem Lateinischen und bedeutet “du auch”. Der Tu quoque Fehlschluss bedeutet “es vermeiden, sich mit Kritik auseinanderzusetzen, indem man sie einfach zurückgibt – Kritik mit Kritik beantworten.” [9] Dieser Fehlschluss ist häufig zu beobachten, wenn Menschen sich dagegen wehren, klimafreundlich und emissionsarmer zu handeln, indem mit dem Finger auf andere gezeigt wird, die dies auch nicht tun. So wie wenn Greta Thunberg Doppelmoral vorgehalten wird, weil sie eine Flugreise macht. Oder wenn Staatschefs mit dem Flugzeug zu Klimagipfeln reisen. Denn das eigene Verhalten muss nicht durch andere determiniert sein. Es wäre zum Beispiel unsinnig, wenn ein Verbrecher sagt, dass andere Menschen auch Verbrechen begehen und sein Verbrechen daher nicht so schlimm ist. Das folgt derselben Logik.

Natürlich kann man kritisieren, wenn Menschen mit dem Flugzeug reisen, aber nur weil andere Menschen nicht zu 100% klimafreundlich handeln, heißt das nicht, dass man selbst gar nicht klimafreundlich handeln muss. Dies stellt nämlich den Fehlschluss der Schwarzweißmalerei bzw. ein falsches Dilemma dar, nämlich “zwei Alternativen als die einzig möglichen präsentieren, während es tatsächlich mehr Möglichkeiten gibt.” [10] Schließlich ist jeder Beitrag wichtig.

Fazit:

Klimawandelleugnung funktioniert auf drei Ebenen: Das Leugnen der Existenz des Klimawandels (Trendskepsis), das Leugnen der Verursachung durch den Menschen (Attributionsskepsis) und das Leugnen der Beeinflussbarkeit durch menschliches Handeln (Auswirkungsskepsis). 

Die Rhetorik von Klimawandelleugner:innen gründet auf dem Anzweifeln wissenschaftlicher Tatsachen und der Verbreitung von Falschinformation, auch mittels logischer Fehlschlüsse. Von den oben beschriebenen Fehlschlüssen sind manche mehr und manche weniger verbreitet. 

Typisch ist jedoch das Abstreiten des Fachkonsenses der globalen Erwärmung durch Treibhausgase wie CO2 seit der Industrialisierung sowie von Konsequenzen, die sich daraus ergeben. Hierzu werden die Expert:innen mittels ad hominem und kein echter Schotte Argumenten diskreditiert und eigene Pseudoexpert:innen durch fehlerhafte Eminenzbasierung und Rosinenpicken hochstilisiert. Falls der Klimawandel als existent betrachtet wird, aber als nicht menschengemacht ausgewiesen werden soll, kommt entweder der Fehlschluss der Scheinkausalität, bei dem andere Ursachen wie Sonnenaktivität oder Vulkanausbrüche als Erklärung herangezogen werden, oder der Appell an die Natürlichkeit zum Einsatz, nach dem natürliche Schwankungen nicht so schlimm seien und sich schon wieder von selbst ausgleichen werden. Seltener wird versucht die Existenz des Klimawandels durch persönliche Skepsis der wissenschaftlichen Prozesse oder Anekdotenargumente abzustreiten. Gegen die Reduktion von Treibhausgasemissionen kommt im Diskurs oft der tu quoque Fehlschluss oder jener der Schwarzweißmalerei bzw. des falschen Dilemmas zum Einsatz, durch den die eigene Verantwortung dadurch abgewiesen wird, indem auf andere verwiesen wird, die auch nicht immer und 100 prozentig klimafreundlich handeln. Derartige Argumentationen 

Klimawandelleugner:innen zu überzeugen ist nicht leicht, da deren Gedankenkonstrukt oftmals verschwörungstheoretisch begründet und in sich geschlossen ist. Es kann für Gespräche aber hilfreich sein, die Scheinargumente und typische Rhetorik zu kennen. Mithilfe der sogenannten sokratischen Methode, welche im letzten Blogbeitrag erklärt wurde, kann man durch Nachfragen Wissenslücken offenbaren und eventuell die Sicherheit der Personen in ihre Überzeugungen reduzieren. Das Aufzeigen von Fehlschlüssen, auf denen die Überzeugungen beruhen, könnte dabei auch hilfreich sein.

[1] https://yourlogicalfallacyis.com/de/scheinkausalitaet 

[2] https://yourlogicalfallacyis.com/de/appell-an-die-natuerlichkeit 

[3] https://yourlogicalfallacyis.com/de/zielscheibenfehler 

[4] https://yourlogicalfallacyis.com/de/eminenzbasierung 

[5] https://yourlogicalfallacyis.com/de/ad-hominem 

[6] https://yourlogicalfallacyis.com/de/kein-echter-schotte 

[7] https://yourlogicalfallacyis.com/de 

[8] https://yourlogicalfallacyis.com/de 

[9] https://yourlogicalfallacyis.com/de 

Quellen:

https://www.br.de/nachrichten/wissen/angreifen-ablenken-weglassen-methoden-der-klimawandelleugner,UgdfNE5
https://www.pik-potsdam.de/~stefan/alvensleben_kommentar.html
https://yourlogicalfallacyis.com/de

Benjamin Kraus (MA)

Durch mein Philosophiestudium habe ich die Neugierde schätzen gelernt und meine Passion für das Schreiben entdeckt. Neugierde hat etwas Kindliches, aber ich finde es wichtig, diese auch im Erwachsenenalter zu kultivieren. Ich lese mich gerne in neue Themengebiete ein und mir gefällt es, komplexe Sachverhalte verständlich, aber nicht verkürzt, zu erklären. Außerdem ist mir die Umwelt wichtig und in dieser Tätigkeit als Blogautor kann ich all jene Punkte wunderbar verbinden.

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