Stadt und Natur
Ein naturnahes Leben hat viele Vorteile für unsere Gesundheit und das Wohlbefinden. Weltweit leben jedoch immer mehr Menschen in Städten, die auch ihre Vorteile mit sich bringen. Was die genauen Vor- und Nachteile sind, was die Forschung dazu sagt und wie man das Beste aus beiden Welten vereinen kann, soll in diesem Beitrag erörtert werden.
Begriffe
Natur wird als alles definiert, was nicht vom Menschen geschaffen wurde. Es wird weiters zwischen belebter, etwa Pflanzen und Tiere, und unbelebter Natur, etwa Steinen und Flüssigkeiten, unterschieden.
Städte sind also so etwas wie das Gegenteil von Natur, da diese einen vom Menschen geschaffenen Siedlungsraum darstellen. Es handelt sich hier also um gegensätzliche Begriffe: Da wo Stadt ist, ist keine Natur und umgekehrt. Aber kann man Natur in die Stadt bringen und was sind die Auswirkungen?
Positive Effekte von Natur in der Stadt auf den Menschen und die Umwelt
Aus der Forschung ist bekannt, dass das Leben in der Stadt ein Risikofaktor für psychische Störungen ist, während das Leben in der Natur für die psychische Gesundheit von Vorteil ist. Denn die Amygdala, eine Gehirnregion, die für die Stressverarbeitung wesentlich ist, wird bei Menschen, die in der Stadt leben, stärker aktiviert. [1] Es konnte auch nachgewiesen werden, dass die Aktivierung der Amygdala nach einem einstündigen Spaziergang in der Natur abnimmt. [2] Außerdem weisen Stadtbewohner, die in der Nähe eines Waldes leben, eine psychologisch gesündere Struktur der Amygdala auf, wobei das auch an Faktoren wie geringerem Stadtlärm liegen kann. [3]
Außerdem ist belegt, dass Aufenthalte in der Natur das Wohlbefinden positiv beeinflussen, wobei eine österreichische Studie aus 2024 nachweist, dass der Effekt besonders bei sozioökonomisch schlechter gestellten Menschen, also Menschen mit geringem Einkommen, besonders stark ist. [4] Eine andere Studie der meduni Wien konnte nachweisen, dass sich der Cortisolspiegel im Blut, also der Menge des Stresshormons, nach einem zwanzigminütigen Waldspaziergang in etwa halbierte [5]
Aus der positiven Psychologie ist außerdem bekannt, dass sich freudvolle Aktivitäten und ästhetische Naturerlebnisse ebenfalls positiv auf das Wohlbefinden auswirken, die Stressresistenz erhöhen und das allgemeine Krankheitsrisiko senken. Hierbei ist die Häufigkeit positiver Erlebnisse wichtiger als deren Intensität. [6] Diese Erkenntnisse bestätigen die Sinnhaftigkeit, Natur in die Stadt zu integrieren.
Neben der positiven Effekte auf den Menschen hat die Begrünung und Integration von Natur in Städte auch positive Effekte auf die Umwelt. So sorgt dies für eine Hitzeminderung und Klimaregulierung durch Verschattung und Verdunstungskühlung, verbessert die Luftqualität, schützt vor Hochwasser, da Regenwasser gespeichert und die Kanalisation entlastet wird, fördert die Biodiversität und mindert Lärm.
Natur in die Stadt bringen
Das Leben in der Stadt bietet viele Vorteile wie die Bequemlichkeit der Infrastruktur und Erreichbarkeit, ein größeres Arbeitsplatzangebot, eine Vielfalt von Kultur- und Freizeitangeboten, eine große Menge an Bildungsmöglichkeiten und eine gute Gesundheitsversorgung. Jedoch bringt das Leben in der Stadt auch, verglichen mit einem naturnahen Leben, einige Nachteile mit sich. Um diese Nachteile bestmöglichst abzumildern, liegt die Idee nahe, die Natur in die Stadt zu bringen.
Nach den oben angeführten Definitionen kann Natur streng genommen nicht in die Stadt gebracht werden, da Natur alles vom Menschen nicht geschaffene beschreibt. Allerdings ist das doch indirekt möglich indem statt Beton etwa durch Begrünung künstlich belebte und unbelebte Naturflächen und Biotope errichtet werden. Die Stadt Wien hat hier schon einige Projekte umgesetzt, von denen im Folgenden einige vorgestellt werden.
Beispiele
Haus des Meeres Wien:
Der etwa 50 Meter hohe Flakturm inmitten des Esterházypark im 6. Wiener Gemeindebezirk ist seit 2019 auf einer Wandseite mit 8500 Pflanzen auf 400 Quadratmeter begrünt.

(Quelle: https://www.stadtbekannt.at/spaziergaenge/gruenes-und-buntes-in-mariahilf/)
Naschmarkt Wien:
Der ehemalige Naschmarktparkplatz wurde 2025 mit 70 Bäumen und über 50000 Pflanzen auf 6820 Quadratmetern zu einer Grünoase mit vielen Sitzgelegenheiten umgestaltet.

(Quelle: https://www.wien.gv.at/umwelt/naschmarkt-parkplatz-naschpark)
Grätzloasen:
Mit dem Konzept der Grätzloasen des Vereins Lokale Agenda 21 mit Unterstützung der Stadt Wien wird Parkplatzfläche genutzt, um kleine konsumfreie und begrünte Erholungszonen in der Stadt zu bauen. Hierzu wird mittels Holzaufbauten der Gehsteig erweitert und zu einer kleinen Oase mit Begrünung und Sitzgelegenheiten umgestaltet und von engagierten Anwohnern betreut. Durch die modulare Bauweise können diese leicht auf- und abgebaut werden. Zunächst wurden diese nur saisonal bewilligt und den Winter über wieder abgebaut, wobei sie mittlerweile nach Antrag auch ganzjährig stehen bleiben dürfen.

(Quelle: https://www.w24.at/News/2025/7/Graetzloasen-Von-Huglwood-bis-Hali-Gali)
Fazit
Naturerleben hat viele positive Auswirkungen, die den negativen Auswirkungen des Lebens in der Stadt entgegenwirken können. Diese betreffen nicht nur die menschliche Gesundheit und das Wohlbefinden, sondern auch die Umwelt. Durch Begrünung ist es möglich, Natur ein Stück weit in die Stadt zu integrieren und damit konsumfreie Erholungszonen zu schaffen. Beispiele zeigen, dass dies möglich ist und auch schon gemacht wird. Insofern ist es wichtig sich dafür einzusetzen, dass solche Projekte erhalten bleiben, ausgebaut werden und in mehr Städten Einzug finden. Zwar zeigen Studien, dass die Effekte von natürlichem Naturerleben auf den Menschen nur bedingt auf künstliche Grünflächen übertragen werden können, aber die Datenlage ist hier uneindeutig. [7] Die positiven Effekte auf die Umwelt sind jedoch unstrittig.
[2] vgl. Sudimac, S., Sale, V., & Kühn, S. (2022). How nature nurtures: Amygdala activity decreases as the result of a one-hour walk in nature. Molecular psychiatry, 27(11), 4446-4452. Siehe auch: https://www.nature.com/articles/s41380-022-01720-6
[4] https://science.orf.at/stories/3223495/; Fian, L., White, M. P., Arnberger, A., Thaler, T., Heske, A., & Pahl, S. (2024). Nature visits, but not residential greenness, are associated with reduced income-related inequalities in subjective well-being. Health & Place, 85, 103175. Siehe auch: https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S1353829224000030?via%3Dihub
[5] vgl. https://www.meduniwien.ac.at/web/ueber-uns/news/2025/news-im-mai-2025/waldaufenthalt-reduziert-stress-in-nur-20-minuten/; Haluza, D., Kersten, P., Lazic, T., Steinparzer, M., & Godbold, D. (2025). Unlocking the power of nature: Insights from a 20-minute forest visit on well-being. Forests, 16(5), 792. Siehe auch: https://www.researchgate.net/publication/391569984_Unlocking_the_Power_of_Nature_Insights_from_a_20-Minute_Forest_Visit_on_Well-Being
[7] vgl. Fian, L., White, M. P., Arnberger, A., Thaler, T., Heske, A., & Pahl, S. (2024). Nature visits, but not residential greenness, are associated with reduced income-related inequalities in subjective well-being. Health & Place, 85, 103175.
Quellen
Haluza, D., Kersten, P., Lazic, T., Steinparzer, M., & Godbold, D. (2025). Unlocking the power of nature: Insights from a 20-minute forest visit on well-being. Forests, 16(5), 792. Siehe auch: https://www.researchgate.net/publication/391569984_Unlocking_the_Power_of_Nature_Insights_from_a_20-Minute_Forest_Visit_on_Well-Being
Fian, L., White, M. P., Arnberger, A., Thaler, T., Heske, A., & Pahl, S. (2024). Nature visits, but not residential greenness, are associated with reduced income-related inequalities in subjective well-being. Health & Place, 85, 103175.
https://www.wien.gv.at/umwelt/naschmarkt-parkplatz-naschpark
https://science.orf.at/stories/3223495
Sudimac, S., Sale, V., & Kühn, S. (2022). How nature nurtures: Amygdala activity decreases as the result of a one-hour walk in nature. Molecular psychiatry, 27(11), 4446-4452. Siehe auch: https://www.nature.com/articles/s41380-022-01720-6
Benjamin Kraus (MA)
Durch mein Philosophiestudium habe ich die Neugierde schätzen gelernt und meine Passion für das Schreiben entdeckt. Neugierde hat etwas Kindliches, aber ich finde es wichtig, diese auch im Erwachsenenalter zu kultivieren. Ich lese mich gerne in neue Themengebiete ein und mir gefällt es, komplexe Sachverhalte verständlich, aber nicht verkürzt, zu erklären. Außerdem ist mir die Umwelt wichtig und in dieser Tätigkeit als Blogautor kann ich all jene Punkte wunderbar verbinden.