Warum die Umwelt schützen? Umweltethik – Überblick und Grundlagen (von Benjamin Kraus)

Was soll ich tun?

Die Frage, was man tun soll, also was moralisch gut ist, wird in der Philosophie im Bereich der Ethik behandelt. Die überwiegende Mehrheit ist sich einig, dass es wichtig ist, die Umwelt zu schützen. Aber wieso eigentlich? Und was bedeutet das im Detail?

Diese Fragen sollen in diesem Beitrag beantwortet werden, indem zunächst verschiedene ethische Theorien skizziert und in ihren Grundlagen erklärt werden, bevor verschiedene Strömungen der Umweltethik beschrieben werden. Zuletzt wird gezeigt, dass sich aus all diesen ethischen Theorien schlüssige Argumente für Klima- und Umweltschutz ableiten lassen.

Utilitarismus (Konsequentialismus)

Der Utilitarismus ist eine Form des Konsequentialismus, der Handlungen nach deren Konsequenzen bewertet. Vom Lateinischen utilitas für “Nutzen” abgeleitet, handelt es sich hierbei um eine sogenannte Nutzethik.

Nach dem sogenannten hedonistischen Prinzip wird Nutzen so verstanden, dass eine Handlung gut ist, wenn sie für die größtmögliche Anzahl an Personen Freude und Lust erhöht bzw. das Gesamtwohl bestmöglich steigert. [1] Hierbei geht es also nicht um die Handlungskonsequenzen für den Handelnden selbst, sondern für die größtmögliche Anzahl bzw. die Gesamtheit aller Menschen. So wird es nach dem Utilitarismus zum Beispiel als gut betrachtet, wenn man einer hilfsbedürftigen Person hilft oder wenn man Geld für einen guten Zweck, wie für von Armut oder Krieg betroffene Menschen, spendet, da dies das Gesamtwohl steigert.

Soweit das Grundprinzip, der Utilitarismus hat aber auch einige Probleme, auf die hier nicht im Detail eingegangen werden kann. Ein wesentlicher Kritikpunkt ist jedoch, dass derartige “Berechnungen” des Gesamtnutzens bei komplexeren Fragestellungen nicht immer eindeutig sind und nicht mal eben mit einem Taschenrechner ermittelt werden können. Zudem wäre eine Handlung nach dem Utilitarismus auch dann gut, wenn sie zwar einigen Personen schadet, aber mehr Personen hilft, da der Nutzen hier in Summe das Leid übersteigt, was zunächst auch unintuitiv wirkt. [2] Das Gute wird hier also über den Nutzen von Handlungskonsequenzen verstanden.

Deontologie (Pflichtethik)

Die Deontologie, abgeleitet vom Griechischen deon für Pflicht, setzt die Handlung selbst bzw. deren Prinzip und Motiv in den Fokus. [3] Nach Immanuel Kant ist das einzig uneingeschränkt Gute der gute Wille und Handlungen sollen in Übereinstimmungen mit moralischen Normen stehen, welche aus der Vernunft abgeleitet werden. [4] 

Als oberstes Prinzip gilt für Kant hier der kategorische Imperativ. Kategorisch bedeutet hier, dass dieser immer gilt und Imperativ, dass dieser unbedingt zu befolgen ist. Es gibt verschiedene Formeln des kategorischen Imperativs, die sogenannte Selbstzweckformel besagt zum Beispiel: „Handle so, dass du die Menschheit sowohl in deiner Person, als in der Person eines jeden anderen jederzeit zugleich als Zweck, niemals bloß als Mittel brauchst.“, und drückt im Prinzip die Menschenwürde und Achtung des Respekts einem selbst und anderen Menschen gegenüber aus. [5] Die sogenannte Universalisierungsformel besagt: „Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, daß sie ein allgemeines Gesetz werde.“ [6] Der Bezug zur allgemeinen Gesetzmäßigkeit hier bedeutet, dass man bei jeder Handlung überlegen kann, wie es wäre, wenn jeder Mensch so handeln würde und eine Handlung nur dann gut ist, wenn man wollen kann, dass auch jeder so handeln würde. Zum Beispiel ist es moralisch schlecht zu stehlen, denn wenn jeder stehlen würde, könnte sich niemand seines Eigentums sicher sein. 

Auch die Deontologie hat Probleme und teilweise unintuitive Konsequenzen. So wäre es demnach generell verboten zu lügen, da, wenn jeder so handeln würde, die Wahrheit seine Bedeutung verlieren würde. Allerdings gibt es plausible Szenarien, in denen Lügen augenscheinlich als moralisch gut einzustufen wären, etwa wenn ich jemanden anlüge, um jemand anderem das Leben zu retten. Dies wiederum würde der Utilitarismus als moralisch gut einstufen.

Mischformen aus Deontologie und Utilitarismus

Wie beschrieben, haben beide Theorieansätze ihre Probleme und unintuitiven Konsequenzen. Daher gibt es auch Mischformen wie den Regelkonsequentialismus, welche das Ziel haben die einzelnen Probleme der Theorien zu beheben. Dieser soll der Vollständigkeit halber hier nur erwähnt werden. Prinzipiell ist der Ansatz, dass zwar wie beim Utilitarismus das Glück der größtmöglichen Anzahl an Personen im Zentrum steht, dieses aber nicht auf einzelne Handlungen, sondern auf Handlungsregeln angewendet wird. 

Tugendethik

Kurz gesagt werden im Rahmen der Tugendethik keine Handlungen oder deren Konsequenzen bewertet, sondern der Charakter der handelnden Personen und welche Haltungen, Eigenschaften und Fähigkeiten nötig sind, um ein gutes Leben zu führen. [7] Der Begriff Tugend wurde schon in der antiken Philosophie behandelt und kann als durch Gewöhnung erwerbbare charakterliche Disposition oder zur Gewohnheit gewordenen Haltung verstanden werden. [8] Nach Aristoteles und seiner Lehre der goldenen Mitte stellen Tugenden die Mitte zwischen zwei Lastern oder Extremen dar. [9] So wird die Tugend der Mut etwa als Mitte zwischen Tollkühnheit und Feigheit beschrieben. Neben sogenannten Sekundärtugenden zählen zu den relevanten Tugenden eine Reihe von Primär- bzw. Kardinaltugenden, zu denen auch Gerechtigkeit gehört. Ein gerechter Mensch tut seinen Mitmenschen kein Unrecht, schützt sie davor, Unrecht erleiden zu müssen und setzt sich dafür ein, dass ihre Würde und ihr Menschsein geschützt sind. [10] 

Umweltethik und ihre Formen

Die Umweltethik ist ein Teilbereich der angewandten Ethik und beschäftigt sich mit dem Wert von Natur an sich sowie dem Umgang und Verhältnis vom Menschen zur (nichtmenschlichen) Natur und natürlichen Ressourcen. Sie unterteilt sich wiederum in die Bereiche der Tierethik, die den Umgang mit Tieren behandelt, und der Naturethik, die sich unter anderem mit dem Umgang mit Arten, Ökosystemen und Landschaften befasst.

Anthropozentrismus

Die bisher beschriebenen ethischen Theorien sind allesamt sogenannte anthropozentrische Ethiken, vom Griechischen anthropos für Mensch abgeleitet, und stellen den Menschen und das Verhalten gegenüber Menschen in den Mittelpunkt. Der Standpunkt, dass nur der Mensch einen moralischen Wert und Rechte hat, kann in unserer Kultur als durch den Einfluss des Christentums und der Betrachtung des Menschen als Krone der Schöpfung beeinflusst betrachtet werden. Wobei der Fokus auf den Menschen für die Betrachtung eines moralischen Zusammenlebens auch unabhängig davon sinnvoll scheint. Die Frage, welchen Individuen bzw. Dingen moralischer Wert zugesprochen werden soll, wird als Inklusionsproblem behandelt.

Jedenfalls gilt die Umwelt im Rahmen des Anthropozentrismus nur insofern als schützenswert und moralisch zu berücksichtigen, als diese dem Menschen dient bzw. in dessen Interesse ist. [11] Aber auch im Rahmen dieser Ethiken lässt sich eine Pflicht bzw. moralische Güte von Umwelt- und Klimaschutz ableiten, da die Umwelt, deren Erhalt und möglichst gute Verfassung im Interesse des Menschen ist, da sie dessen Lebensraum darstellt. Das kann über den Gesamtnutzen und über universale Handlungsmaximen begründet werden.

Phsysiozentrismus (Patho- und Biozentrismus)

Ein Theorieansatz, der weitergeht und allen lebenden und nicht-lebenden Dingen einen moralischen Wert zuschreibt, ist der Physiozentrismus. Dieser lässt sich nochmal in Pathozentrismus und Biozentrismus unterteilen.

Der Pathozentrismus, abgeleitet vom Griechischen pathos für Leid, schreibt allen Lebewesen, die empfindungsfähig sind bzw. über die Fähigkeit verfügen, Schmerz zu empfinden, einen moralischen Wert zu. [12] Dafür benötigt es zumindest ein rudimentäres Nervensystem und im Einzelnen kann es schwierig sein zu bestimmen, welche Lebewesen in welchem Ausmaß über diese Fähigkeit verfügen. Üblicherweise wird hier auch graduell bestimmt, dass Lebewesen, bei denen diese Empfindungsfähigkeit stärker ausgeprägt ist, eine vergleichsweise höhere moralische Berücksichtigung verdienen als Lebewesen, bei denen diese Fähigkeit geringer ausgeprägt ist. [13] Die Tierethik lässt sich dem Pathozentrismus (oder Biozentrismus) zuordnen. In einer utilitaristischen Betrachtungsweise wäre es aufgrund der unterschiedlichen Leidensfähigkeit demnach weniger schlimm einen Käfer zu töten als ein Schwein oder Rind. Das Problem der Summierung jener Lust/Leid Berechnungen kann aber auch hier ersichtlich werden, wenn man sich die Frage stellt, ob es schlimmer wäre, ein Schwein zu töten oder eine Million Käfer. Ein klarer Schwellenwert ist hier schwer auszumachen.

Der Biozentrismus wiederum schreibt allen Lebewesen einen moralischen Wert zu, der in einem Recht auf Entfaltung und Selbsterhalt begründet ist, in der radikalen Variante auch ohne Abstufung und Hierarchie. [14] Eine Abstufung des moralischen Werts scheint intuitiv aber sinnvoll, da wahrscheinlich kaum jemand argumentieren würde, dass es gleich schlimm ist, eine Pflanze zu zertreten und ein Schwein zu schlachten. Zudem ist es in der Biologie umstritten, inwiefern Viren und Bakterien als Lebewesen zu klassifizieren sind. Und diesen Entitäten einen moralischen Wert zuzuschreiben, scheint auch kontraintuitiv. [15]  

Der sogenannte Ökozentrismus und Holismus betrachtet ganze Ökosysteme oder natürliche Systeme allgemein als moralisch wertvoll.

Fazit

Die hier vorgestellten ethischen Theorien wurden in ihren Grundzügen beschrieben. Innerhalb all dieser Theorien lässt sich eine moralische Güte bzw. Pflicht zum Umwelt- und Klimaschutz ableiten. Entweder nur indirekt über den Nutzen für den Menschen oder direkt über den moralischen Eigenwert der Natur.

Bei anthropozentrischen Ethiken stellen sich jedoch komplexe Fragen wie zu Biodiversität und Artensterben. Denn manche Vertreter jener Ethiken würden das Artensterben, insofern es auf den Menschen keine Auswirkungen hat, als Teil der Evolution und als moralisch nicht problematisch betrachten. Ökosysteme stehen jedoch miteinander in komplexen Wechselwirkungen und die Störung einzelner Systeme und die Folgen für den Menschen sind manchmal nur schwer einschätzbar. Allerdings ist hier mit Verweis auf das Vorsorgeprinzip und das Handeln unter Ungewissheit dennoch für einen Einsatz gegen das Artensterben zu argumentieren.

[1] vgl. https://wwf-jugend.de/was-zaehlt-am-ende-wirklich-einfuehrung-in-den-konsequentialismus/

[2] vgl. Chappell, R.Y., Meissner, D. und MacAskill, W. (2023). Elemente und Arten des Utilitarismus. In R.Y. Chappell, D. Meissner und W. MacAskill (Hrsg.), Einführung in den Utilitarismus, <https://www.utilitarismus.net/arten-des-utilitarismus>, aus dem Englischen von S. Dalügge, zuletzt aufgerufen am 12.6.2026. 

[3] vgl. https://wwf-jugend.de/was-ist-deontologie-wenn-prinzipien-wichtiger-sind-als-folgen/

[4] vgl. https://plato.stanford.edu/entries/ethics-deontological/

[5] Immanuel Kant, Gesammelte Schriften. Hrsg.: Bd. 1–22 Preussische Akademie der Wissenschaften, Bd. 23 Deutsche Akademie der Wissenschaften zu Berlin, ab Bd. 24 Akademie der Wissenschaften zu Göttingen, Berlin 1900ff., AA IV, 429 / GMS, BA 66, Faksimile 

[6] Immanuel Kant, Gesammelte Schriften. Hrsg.: Bd. 1–22 Preussische Akademie der Wissenschaften, Bd. 23 Deutsche Akademie der Wissenschaften zu Berlin, ab Bd. 24 Akademie der Wissenschaften zu Göttingen, Berlin 1900ff., AA IV, 421 / GMS, BA 52, Faksimile 

[7] vgl. Hoffmann, A. F.: Art. „Tugendethik“ (Version 1.0 vom 12.07.2018), in: Ethik-Lexikon, verfügbar unter: https://www.ethik-lexikon.de/lexikon/tugendethik. 

[8] vgl. Hoffmann, A. F.: Art. „Tugendethik“ (Version 1.0 vom 12.07.2018), in: Ethik-Lexikon, verfügbar unter: https://www.ethik-lexikon.de/lexikon/tugendethik. 

[9] vgl. https://www.massvoll-geniessen.de/gesellschaft/das-rechte-mass 

[10] vgl. Hoffmann, A. F.: Art. „Tugendethik“ (Version 1.0 vom 12.07.2018), in: Ethik-Lexikon, verfügbar unter: https://www.ethik-lexikon.de/lexikon/tugendethik.

[11] vgl. Ott, Konrad: Umweltethik. In: Kirchhoff, Thomas (Hg.): Online Encyclopedia Philosophy of Nature / Online-Lexikon Naturphilosophie. Universitätsbibliothek Heidelberg, Heidelberg 2020, doi:10.11588/oepn.2020.0.68742. S.4

[12] vgl. Ott, Konrad: Umweltethik. In: Kirchhoff, Thomas (Hg.): Online Encyclopedia Philosophy of Nature / Online-Lexikon Naturphilosophie. Universitätsbibliothek Heidelberg, Heidelberg 2020, doi:10.11588/oepn.2020.0.68742. S. 5 

[13] vgl. Ott, Konrad: Umweltethik. In: Kirchhoff, Thomas (Hg.): Online Encyclopedia Philosophy of Nature / Online-Lexikon Naturphilosophie. Universitätsbibliothek Heidelberg, Heidelberg 2020, doi:10.11588/oepn.2020.0.68742. S. 5 

[14] vgl. https://plato.stanford.edu/entries/ethics-environmental/

[15] vgl. https://plato.stanford.edu/entries/ethics-environmental/ 

Quellen

Chappell, R.Y., Meissner, D. und MacAskill, W. (2023). Elemente und Arten des Utilitarismus. In R.Y. Chappell, D. Meissner und W. MacAskill (Hrsg.), Einführung in den Utilitarismus, <https://www.utilitarismus.net/arten-des-utilitarismus>, aus dem Englischen von S. Dalügge, zuletzt aufgerufen am 12.6.2026. 

Hoffmann, A. F.: Art. „Tugendethik“ (Version 1.0 vom 12.07.2018), in: Ethik-Lexikon, verfügbar unter: https://www.ethik-lexikon.de/lexikon/tugendethik. 

Immanuel Kant, Gesammelte Schriften. Hrsg.: Bd. 1–22 Preussische Akademie der Wissenschaften, Bd. 23 Deutsche Akademie der Wissenschaften zu Berlin, ab Bd. 24 Akademie der Wissenschaften zu Göttingen, Berlin 1900ff., AA IV, 429 / GMS, BA 66, Faksimile 

https://www.massvoll-geniessen.de/gesellschaft/das-rechte-mass

Ott, Konrad: Umweltethik. In: Kirchhoff, Thomas (Hg.): Online Encyclopedia Philosophy of Nature / Online-Lexikon Naturphilosophie. Universitätsbibliothek Heidelberg, Heidelberg 2020, doi:10.11588/oepn.2020.0.68742

https://plato.stanford.edu/entries/ethics-deontological

https://plato.stanford.edu/entries/ethics-environmental

https://wwf-jugend.de/was-ist-deontologie-wenn-prinzipien-wichtiger-sind-als-folgen/

https://wwf-jugend.de/was-zaehlt-am-ende-wirklich-einfuehrung-in-den-konsequentialismus/

Benjamin Kraus (MA)

Durch mein Philosophiestudium habe ich die Neugierde schätzen gelernt und meine Passion für das Schreiben entdeckt. Neugierde hat etwas Kindliches, aber ich finde es wichtig, diese auch im Erwachsenenalter zu kultivieren. Ich lese mich gerne in neue Themengebiete ein und mir gefällt es, komplexe Sachverhalte verständlich, aber nicht verkürzt, zu erklären. Außerdem ist mir die Umwelt wichtig und in dieser Tätigkeit als Blogautor kann ich all jene Punkte wunderbar verbinden.

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