Eine Begriffsklärung – Second Hand, Vintage oder Retro [1]?
Second Hand (Gebrauchtware)
Second Hand Kleidung umfasst alles, was bereits mindestens einen Vorbesitzer hatte. Alter und Marke spielen dabei keine Rolle. Von brandaktueller Fast-Fashion (z.B. ein Shirt vom letzten Jahr, gekauft bei einer Billigmodekette bis hin zu älteren Teilen ist alles dabei.
Steht für Nachhaltigkeit, Ressourcenschonung und den günstigen Preis.
Vintage (Stilvolle Vergangenheit)
Vintage ist ein Modebegriff für Stücke, die mindestens 20 bis 30 Jahre alt sind und den typischen Stil einer vergangenen Epoche (z.B. die 70er, 80er oder 90er) repräsentieren. Sie zeichnen sich oft durch eine besonders hohe Qualität, markante Schnitte oder Details aus. Echte Vintage-Teile werden als sammelwürdige Modegeschichte angesehen.
Steht für Individualität, Einzigartigkeit und Nostalgie. Vintage-Mode ist daher oft teurer als einfache Second Hand-Ware.
Der Begriff leitet sich übrigens von der Weinkunde ab, wo Vintage den Jahrgang eines Weines bezeichnet. Er wird auch für Möbel, Autos, Schmuck, vor allem aber auf Kleidung angewendet [2].
Retro
Wenn ein Kleidungsstück zwar alt aussieht, aber erst kürzlich im Stil eines vergangenen Jahrzehnts produziert wurde, spricht man von Retro und nicht von Vintage.
Die Geschichte von Second Hand [3]
Der Konsum von Secondhand-Kleidung ist bereits seit dem Jahr 1200 bekannt und hat die Kultur und Wirtschaft der wichtigsten europäischen Städte beeinflusst. Der Handel mit gebrauchter Kleidung nahm zwischen 1400 und 1700 seinen Ursprung auf den Zunftmärkten in mehreren europäischen Städten. Neu gefertigte Kleidung war ein Luxusgut, das nur den Wohlhabenden zur Verfügung stand. Gebrauchte Kleidung hingegen wurde zu einem günstigen Preis an die breite Bevölkerung verkauft, die sich keine neue Kleidung leisten konnte, und war in allen Gesellschaftsschichten weit verbreitet.
Mitte des 19. Jahrhunderts war Secondhand-Kleidung eine wichtige Möglichkeit Kleidung zu erwerben. Erst durch die Industrialisierung, die Massenproduktion und steigende Einkommen war die breite Öffentlichkeit in der Lage, neue und nicht mehr gebrauchte Kleidung zu kaufen. Während der Kolonialzeit wurde Secondhand-Kleidung in die Kolonien exportiert, und vor Ort entstanden Wohltätigkeitsläden, die sich um die Armen kümmerten.
Seit dem Zweiten Weltkrieg hat der Handel mit Secondhand-Kleidung weltweit stark zugenommen. Angesichts der großen Bedeutung der von der Modeindustrie verursachten Umweltverschmutzung durch die Produktion immer neuer Modelle, haben die Menschen gelernt, umweltbewusster zu handeln. In der Folge sind seit den 1980-er Jahren Second Hand Shops stark in Mode gekommen. Das Internet hat den Online-Handel mit gebrauchter Kleidung zudem stark gefördert.
Lob und Kritik für Second Hand
Die Nutzung gebrauchter Kleidung hat mehrere Aspekte:
Günstig und umweltschonend
Studien belegen, dass Secondhand im Mainstream angekommen ist: Laut einer Erhebung der Beratungsfirma PwC [4] haben rund 60 Prozent der erwachsenen Menschen in Deutschland bereits gebrauchte Kleidung gekauft. Bei der jüngeren Generation Z – zwischen 1995 und 2010 geboren – sind es sogar 65 Prozent. Wichtigstes Kaufmotiv ist es, Produkten eine zweite Chance zu geben (74%), noch vor dem Preisvorteil gegenüber Neuware (71%). Es werden Ressourcen geschont, der CO2 Ausstoß wird vermindert, wenn weniger Kleidung produziert werden muss, und es gelangen weniger Schadstoffe wie Mikroplastik in die Umwelt.
Bedürftigen Menschen helfen
Caritas, Volkshilfe Wien oder Kolpinghaus nehmen gerne gespendete Kleidung an und geben sie direkt an bedürftige Menschen weiter.
Aber nicht immer klappt Altkleidersammlung problemlos: Sammelcontainer auf öffentlichem Grund sind in Wien ab 1.1.2027 verboten, da Verunreinigungen durch herumliegende Kleidungsstücke immer wieder zu Anrainerbeschwerden geführt haben [5].
Manche spendenbasierte Einrichtungen wie Humana sind aber schon seit Jahren in Kritik geraten. Sie exportieren gespendete Ware in Entwicklungsländer, was sich aber als nicht nachhaltig und sogar kontraproduktiv herausgestellt hat. Der Staat Uganda wehrt sich beispielsweise bereits und versucht den Import von Secondhand-Kleidung einzudämmen. Die lokale Textilindustrie mit ihren kleinen Gewerbebetrieben und auch die heimischen Rohstofflieferanten werden dadurch beeinträchtigt. Außerdem gelangt durch Kleidung aus minderwertigen Kunstfasern umweltschädliches Material in die Region [6].
Geld damit verdienen?
Im Online Handel hat sich ein neues Geschäftsmodell entwickelt – Recommerce [7].
Das Versprechen: Miste deinen Kleiderschrank aus, wir geben dir Geld für deine alten Teile und kümmern uns darum, dass sie im Kreislauf bleiben und weiter genutzt werden. Wie funktioniert das?
– Du schickst Deine alte Kleidung an die Firma, in riesigen Logistikzentren wird sie unter fragwürdigen Arbeitsbedingungen katalogisiert, bepreist und mit Gewinn für den Unternehmer weiter an online Kund:innen verkauft.
– Als Einsender:in erhältst du z.B. 7€ für eine Markenjeans, die neu das Zehnfache gekostet hat. Weiterverkauft wird sie für rund 21€. Den Aufschlag braucht das Unternehmen nach eigenen Angaben, um die Logistik und den Service zu finanzieren.
Der größte deutsche Anbieter ist Momox, die Logistikzentren z.B. in Polen betreiben, wo täglich bis zu 25.000 Artikel eintreffen.
Zwischen Liebe zur Nachhaltigkeit und wirtschaftlicher Vernunft
„Second-Hand ist kein Nischenphänomen mehr, sondern ein fester Bestandteil des modernen Konsumverhaltens“, betont Rainer Will, Geschäftsführer des freien, überparteilichen Handelsverbands. „Wir sehen nicht nur mehr Käufer:innen, sondern auch höhere Ausgaben und eine intensivere Nutzung verschiedener Kanäle. Die Österreicher:innen sehen Second-Hand als Win-Win-Situation für Umwelt und Geldbörse. In Summe gehen wir derzeit von einem Marktvolumen von rund 2 Milliarden Euro jährlich aus [8].
Die Handelsverband-Studie 2025 zeigt: 73% der Österreicher:innen kaufen Second-Hand – und mehr als ein Drittel will künftig noch öfter gebraucht einkaufen. Drei von vier Österreicher:innen verkaufen auch Produkte weiter. Nachhaltigkeit und Preisvorteil treiben den Trend [8].
Die durchschnittlichen jährlichen Ausgaben pro Second-Hand-Käufer liegen bei 211 €. Während der stationäre Modehandel in den letzten Jahren teilweise stagnierte, wächst das Second-Hand-Segment zweistellig pro Jahr. Aber nicht nur Händler profitieren vom Trend, auch Privatpersonen. Laut der Umfrage nahmen Personen, die gebrauchte Kleidung online oder bei Händlern verkauft haben, in den vergangenen zwölf Monaten 171 € ein.
Online-Plattformen wie Willhaben, Vinted oder Refurbed sind dabei die wichtigsten Bezugsquellen. Mehr als jede:r Zweite (55%) kauft dort regelmäßig gebraucht ein. Aber auch traditionelle Formate bleiben relevant: Jede:r Dritte (32%) hat in den letzten 12 Monaten zumindest einmal auf einem Flohmarkt eingekauft, fast ebenso viele (31%) besuchen auch Second-Hand- oder Vintage-Geschäfte [9].
Global 2000 hat für Wien eine Liste von Geschäften erstellt, die gebrauchte Kleidung anbieten [10].
Äußerst beliebt sind auch Tauschbörsen: In Wien gibt es sie inzwischen in allen möglichen Varianten: Kleidertausch-Events, bei denen ungeliebte Schrankhüter gegen neue Lieblingsteile getauscht werden. Ob in Cafés, Kulturzentren oder großen Veranstaltungshallen – die Idee bleibt dieselbe: Gut erhaltene Kleidung und Accessoires bekommen ein zweites Leben, und man selbst geht mit frischem Schwung im Kleiderschrank nach Hause [11].
Fazit
Das Konzept hinter Secondhand ist genial. Kleidung zu recyceln trägt dazu bei, den CO2-Ausstoß zu reduzieren, kann Menschen in Notsituationen helfen und ist an sich sehr nachhaltig. Kritisch wird es dann, wenn aus diesem guten Grundgedanken ein Trend entsteht und profitorientierte Unternehmen den Markt dominieren. Lass dich davon jedoch nicht entmutigen: Geh auf Flohmärkte, mach private Tauschkreise, kauf bei kleinen Läden und spende an Organisationen, bei denen du dir sicher bist, dass die Kleidung in guten Händen ist.
Quellen
[1] Trigema https://www.trigema.de/magazin/second-hand-vs-vintage-wo-liegt-der-unterschied-und-wie-nachhaltig-ist-es-wirklich/
[2] Wikipedia Begriffsklärung Vintage. https://de.wikipedia.org/wiki/Vintage
[3] Geschichte von Second Hand Kleidung.
[4] PwC Circular Fashion, Erhebung vom 5.2.2025. https://www.pwc.at/de/sustainability-esg/circular-fashion.html
[5] Stadt Wien – Verbot der Altkleidercontainer. https://www.wien.gv.at/umwelt/verbot-altkleider-sammelcontainer
[6] Ethik Guide. Die Second Hand Kontroverse. https://ethikguide.org/blog/die-secondhand-kontroverse/
[7] NDR Nachrichten vom 9.10.2025 https://www.ndr.de/nachrichten/info/secondhand-mode-weiterverkauf-von-kleidung-liegt-im-trend,secondhand-102.html
[8] Handelsverband, Studie 3.11.2025
https://www.handelsverband.at/presse/presseaussendungen/secondhand-2025
[9] Profil Paper 21/2026
[10] Global 2000 –Second Hand Guide Wien. https://www.global2000.at/second-hand-guide-wien
[11] Ganz Wien – Kleidertausch in Wien, nachhaltig, kostenlos und mit Stil. https://www.ganz-wien.at/lifestyle/kleidertausch-events.html#google_vignette