Rund 35% der österreichischen Haushalte werden aktuell noch mit fossilem Erdgas oder Erdöl beheizt. [1] Dabei sind die Extraktion und Verbrennung von Erdgas und Erdöl mit massiven Umweltproblemen verbunden, stoßen große Mengen von CO2 aus und treiben damit den Klimawandel an. [2]
Zudem haben Russlands Krieg gegen die Ukraine und aktuell der Iran-Krieg gezeigt, wie abhängig Europa hinsichtlich fossiler Rohstoffe von anderen Ländern ist. [3]
Während die Preise für fossile Brenn- und Heizstoffe ansteigen, wird nach innovativen Lösungen gesucht. Dabei fällt der Blick auch auf Biogas: Doch was verbirgt sich hinter diesem Energieträger – und ist er wirklich umweltfreundlicher als konventionelles Gas?
Was ist Biogas? Und wie unterscheidet es sich von Biomethan?
Biogas entsteht, wenn Biomasse unter anaeroben Bedingungen (=ohne Sauerstoff) von Mikroorganismen vergärt (=abgebaut) wird. Als Biomasse werden (Energie-)Pflanzen (z.B. Mais oder Raps), Gülle oder Küchenabfälle eingesetzt. Dabei entsteht ein Gemisch an Gasen – primär Methan (CH4), aber auch Kohlendioxid (CO2) und anderen Gasen. Das Gasgemisch wird in einem Gasspeicher gesammelt und kann im Anschluss sowohl für die Strom- als auch Wärmeversorgung genutzt werden. [4]
Biogas unterscheidet sich nach der Vergärung chemisch noch von konventionellem Erdgas. Deswegen wird es vor der Einspeisung ins Netz aufbereitet. Dabei werden Verunreinigungen entfernt und der Methan-Anteil gesteigert. [4]
Fossile Abhängigkeiten überwinden
Abgesehen von der Hoffnung, dass Biogas eine umwelt- und klimafreundlichere Alternative zu fossilem Gas sein könnte, ist Biogas eine unabhängige und lokale Energiequelle.
Da fossile Brennstoffe nicht überall in gleichem Ausmaß vorkommen, entstehen geopolitische Abhängigkeiten. Diese sehen wir durch Russlands Krieg gegen die Ukraine verdeutlicht. Während andere Länder kurz nach Kriegsbeginn 2022 ihre Importe stark verringerten oder beendeten, brauchte Österreich bis Anfang 2025, um den Gasimport zu stoppen. In der Zwischenzeit flossen aber mehr als 12 Milliarden Euro aus Österreich nach Russland. [3] Die gleiche Abhängigkeit sehen wir auch 2026 durch den Krieg im Iran.
Diese fossile Abhängigkeit ist aber auch in Zeiten ohne aktive Konflikte ein Problem. Laut dem Kontext-Institut stoppte Russland bereits vor Kriegsbeginn mehr als 50 Mal seinen Gas-Export oder drohte damit. Damit machen sich abhängige Staaten erpressbar und die Energieversorgung bleibt unsicher. [3]
Deswegen ist die Idee naheliegend, durch den Fokus auf Biogas weniger abhängig von fossiler Energie zu werden.
Eine Gegenüberstellung der Vor- und Nachteile von Biogas
| PRO | CONTRA |
| Prinzip der Kreislaufwirtschaft: Abfälle sollen zurückgeführt und verwertet werden… | …aber es werden nicht nur Abfälle eingesetzt. [5] “Tank-vs.-Teller-Debatte”: Um möglichst viel Biogas zu produzieren, werden extra Energiepflanzen (Mais, Raps) angebaut. Häufig in Form von Monokulturen, welche langfristig die Böden auslaugen und der Biodiversität schaden. [5]-[6]Flächenkonkurrenz: Sollen landwirtschaftliche Flächen für die Lebensmittelproduktion oder für Biogas genutzt werden? (In Österreich werden z.B. ca. 18.000 Hektar Mais für Biogas angebaut.) [5]-[6] Alternative Nutzung: Sollen Reststoffe, wie Stroh oder Holz, die aktuell bereits anderweitig verwertet werden (als Einstreu, Pellets, usw.) stattdessen in Biogas umgewandelt werden? [7] |
| Erneuerbare und lokale Energiequelle [3] | |
| Biogas ist im Vergleich zu Wind- und Solarkraft (welche abhängig von den Wetterbedingungen sind) ein planbarer und somit grundlastfähiger Energieträger, welcher ganzjährig Strom und Wärme bereitstellen und speichern kann. [5] | |
| Treibhausgas-Einsparungen: Wenn eine Biogasanlage genutzt wird, um organisches Material zu vergären, statt offen zu verrotten, wird das Methan, welches 25-mal klimaschädlicher ist als CO2, nicht einfach frei, sondern aufgefangen, genutzt und zum Schluss in weniger schädliches CO2 umgewandelt. [6] | |
| “Klimaneutral”: Bei der Biogas-Verbrennung wird nur das CO2 freigesetzt, welches in der Biomasse (z.B. beim Wachsen einer Pflanze) gebunden wurde. Dadurch werden keine zusätzlichen Treibhausgase ausgestoßen. [5] | Biogas wird zu großen Teilen aus Gülle aus der Landwirtschaft produziert und profitiert damit von Massentierhaltung. Nachdem die globale Tierhaltung jedoch den Klimawandel vorantreibt, lässt sich die Bezeichnung von Biogas als “klimaneutral” hinterfragen. [9]-[11]Ein Lebensstil mit weniger tierischen Produkten wäre klimafreundlicher, wobei das die Biogasproduktion verringern würde. |
| Gärreste aus der Biogasanlage können als Dünger direkt auf landwirtschaftlichen Flächen ausgebracht oder kompostiert werden. Dabei können die Nährstoffe erhalten bleiben. [8] | Aufgrund von Fehlwürfen (z.B. in Küchenabfällen) kommt es oft zu Verunreinigungen im Dünger (Mikrokunststoffe, Salz, usw.), welche negative Effekte auf das Pflanzenwachstum haben können. [8] |
Die Zukunft von Biogas
In Österreich gibt es aktuell ungefähr 350 Biogasanlagen, die ca. 2% des österreichischen Gas-Verbrauchs decken. [12]
Dementsprechend ist der Anteil von Biogas aktuell noch sehr niedrig. Schuld daran ist, dass der Ausbau bereits vor einigen Jahren ausgebremst wurde. Angaben aus 2022 zufolge könnten mittelfristig 20% der Gas-Importe durch Biogas ersetzt werden, wenn entsprechend Anlagen gebaut werden. [13]
Expert*innen zufolge besteht im Jahr 2050 für Österreich ein Biogaspotenzial aus Reststoffen von 4 Milliarden Kubikmetern – umgerechnet 24 TWh/Jahr. Aktuell sind es nur ca. 0,54 TWh/Jahr. [5] 24 TWh entsprechen etwa ⅓ des österreichischen Gasverbrauches im Jahr 2024. [14] Wenn das Potential ausgeschöpft werden würde, könnte also ein beträchtlicher Anteil des Gases ersetzt werden.
Die Umweltorganisation Global2000 sieht Biogas nur positiv, wenn wirklich Abfälle verwertet werden und keine Lebensmittel extra dafür angebaut werden. [15]
Schlussendlich kann Biogas nur ein Teil der Lösung sein, aber anzunehmen, dass die Gas-Nachfrage in Zukunft durch Biogas gedeckt werden kann, ist nicht realistisch oder sinnvoll.
Biogas sollte dort eingesetzt werden, wo es am effizientesten ist. Einer Studie der BOKU zufolge vor allem im Industriesektor. [7]
Das eigentliche Ziel bezüglich der Energieversorgung müsste ein Ausstieg aus Gas sein, Hand in Hand mit einem verstärkten Ausbau von anderen erneuerbaren Energien und einer Reduktion unseres Energieverbrauches.
Literatur
[1] Bundesministerium für Wirtschaft, Energie und Tourismus (2023): Wie ist das Heizverhalten in den Bundesländern? https://energie.gv.at/verbrauch/wie-ist-das-heizverhalten-in-den-bundeslaendern
[2] Verivox (o.J.): Erdgasgewinnung. https://www.verivox.de/gas/themen/erdgasgewinnung/
[3] Kontext-Institut (2025): Drei Jahre Krieg in der Ukraine: Österreichs Gasabhängigkeit nutzte nur Russland. https://kontext-institut.at/inhalte/krieg-ukraine-russland-gasabhaengigkeit/
[4] PowerUP (2026): Wie entsteht Biogas? Der faszinierende Weg vom Abfall zur grünen Energie. https://www.powerup.at/de/wissen/biogas/wie-entsteht-biogas/
[5] Schwarz-Stiglbauer, M (2025): Vom Abfall zu grüner Energie. Österreichischer Wissenschaftsfonds FWF (Hrsg.) https://scilog.fwf.ac.at/magazin/vom-abfall-zu-gruener-energie
[6] Bauer, C. (2025): Die Vor- und Nachteile von Biogas: Eine detaillierte Analyse. PowerUP (Hrsg.) https://www.powerup.at/de/wissen/biogas/vorteile-nachteile-biogas/
[7] Arbeiterkammer Tirol (2022): Ausstieg aus fossilen Brennstoffen: Biogas kann nur Teil der Lösung sein! https://tirol.arbeiterkammer.at/Serie_Teil_9_Biogas
[8] Vay, B., Binner, E., Huber-Humer, M. et al. (2024): Bewertung von Gärresten als Input für die Kompostierung: Untersuchung von Nähr‑, Ballast- und Schadstoffen. Österr Wasser- und Abfallw 76, 418–426. https://link.springer.com/article/10.1007/s00506-024-01060-5
[9] NABU (2024): Biogas aus Stroh, Gülle und Mist. https://www.nabu.de/imperia/md/content/nabude/energie/biomasse/240415-nabu-standpunkt-biogas-stroh-guelle-mist.pdf
[10] GreenStone Energy GmbH (2026): Ist Biomasse eine vegane Energiequelle? https://veganstrom.com/engagement/wie-vegan-ist-biomasse
[11] Greenpeace (o.J.): Tierhaltung: mehr Tierleid als Tierwohl. https://www.greenpeace.de/biodiversitaet/landwirtschaft/tierhaltung
[12] Wien Energie (o.J.) Erdgas und Biogas. https://www.wienenergie.at/ueber-uns/unternehmen/energie-klimaschutz/energieerzeugung/erdgas-und-biogas/
[13] Dürnberger. W. (2022): Energiekrise als zweite Chance für Biogas. https://sbg.lko.at/energiekrise-als-zweite-chance-f%C3%BCr-biogas+2400+3619235
[14] Bundesministerium für Wirtschaft, Energie und Tourismus (2024): Wie ist der Gasverbrauch? https://energie.gv.at/verbrauch/wie-ist-der-gasverbrauch
[15] Salzer, R. (2022): Biogas: Vom Sorgenkind zum Hoffnungsträger. NÖ-ORF (Hrsg.) https://noe.orf.at/stories/3151759/