Der Ansatz der kompakten Stadt gilt als wichtige Strategie für eine nachhaltige Stadtentwicklung, um Zersiedelung und ineffiziente Flächennutzung zu reduzieren. Gleichzeitig zeigt die Übersicht, dass urbane Verdichtung und Innenentwicklung städtische Grünflächen gefährden können. Besonders problematisch ist, dass der Verlust privater Grünflächen meist nicht durch zusätzliche öffentliche Grünräume ausgeglichen wird. Zudem bietet die bestehende Literatur nur wenige konkrete Konzepte zur Sicherung und Gestaltung von Grünflächen in kompakten Stadtstrukturen. Die Bereitstellung qualitativ hochwertiger Grünflächen wird daher als zentrale Herausforderung identifiziert, wobei insbesondere Forschungsbedarf besteht, wie geringere Grünflächenmengen durch höhere Qualität kompensiert werden können. [1]
Qualität, Klimaanpassung und soziale Nutzung im öffentlichen Raum Wiens
Der öffentliche Raum in Wien ist zentral für das städtische Leben, soziale Vielfalt und Klimaanpassung. Er soll multifunktional, barrierefrei, sicher und für alle zugänglich gestaltet werden. Die Stadt setzt dabei auf klimafitte Planung neuer Gebiete sowie die Aufwertung bestehender Grätzl, mit Fokus auf konsumfreie Aufenthaltsräume, Grünflächen, Kunst, Kultur und lokale Wirtschaft. Mit der Initiative „Raus aus dem Asphalt“ wurden seit 2020 über 340 Projekte zur nachhaltigen Umgestaltung öffentlicher Räume umgesetzt. Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf kosteneffizienten, nachhaltigen Lösungen und dem Erhalt sowie Ausbau des hohen Grünraumanteils. Grundlage aller Maßnahmen sind die Ziele und Planungsprinzipien des Wien-Plans, die das Fundament einer zukunftsorientierten Stadtentwicklung bilden. [2]
In Wien werden zahlreiche Straßen, Plätze und Stadtteile klimafit, begrünt und entsiegelt. Ziel ist es, öffentliche Räume für Fußgängerinnen, Radfahrende und Freizeitaktivitäten zu verbessern, Hitzeinseln zu reduzieren und Grünflächen auszubauen. Wichtige Maßnahmen umfassen Nachbegrünung, Baumpflanzungen, Entsiegelung, Verkehrsbeschränkungen, neue Radwege sowie multifunktionale Aufenthaltsflächen. Projekte erstrecken sich über zentrale Einkaufsstraßen wie die Äußere Mariahilfer Straße und die Favoritenstraße, Plätze wie Franz-Jonas-Platz, Julius-Tandler-Platz und Süßenbrunner Platz, sowie Stadtentwicklungsgebiete wie das Nordbahnviertel und die Seestadt Aspern. Viele Maßnahmen werden in Etappen umgesetzt und beinhalten Bürgerinnenbeteiligung, um Lebensqualität, Sicherheit und Klimaanpassung nachhaltig zu fördern. [3]
Bestandsquartiere als Chance für zukunftsfähige Städte
Zur Steigerung der Lebensqualität setzt die moderne Stadtentwicklung auf Nachverdichtung, Sanierung des Bestands und Flächensparen. Eine Untersuchung eines INA-Casa-Wohngebiets von 1958 in Trento legt Mängel in der Infrastruktur offen und bietet eine qualitative Basis für zukünftige städtebauliche und ökologische Initiativen. [4]
Integrierte Instrumente zur klimaresilienten Stadtplanung
Ein hoher Anteil versiegelter Flächen sowie fehlende grüne und blaue Infrastrukturen begünstigen die Entstehung städtischer Wärmeinseln (Urban Heat Island). Diese werden zusätzlich durch wärmespeichernde Materialien, dichte Bebauungsstrukturen und menschlich verursachte Abwärme verstärkt. Vor diesem Hintergrund verfolgt das Forschungsprojekt green.resilient.city (GRC) das Ziel, ein integriertes Instrumentarium für eine klimaangepasste Stadtplanung zu entwickeln und dessen Funktionsfähigkeit in einem Proof of Concept nachzuweisen. Zentrales Element ist ein Regelkreis aus vier eng miteinander verknüpften Werkzeugen: dem Grün- und Freiflächenfaktor (GFF), dem Bewertungs- und Optimierungstool GREENPASS, dem Stadtklimamodell MUKLIMO_3 sowie dem regionalen Klimamodell COSMO-CLM. Diese Instrumente wurden aufeinander abgestimmt, um über verschiedene Maßstabsebenen hinweg vergleichbare und konsistente Aussagen zu mikro- und stadtklimatischen Wirkungen zu ermöglichen. Die praktische Anwendbarkeit des Tool-Sets wurde in Reallaboren in Wien erprobt, insbesondere in aspern – Die Seestadt Wiens und in Innerfavoriten. Durch die enge Kooperation mit kommunalen Verwaltungen und weiteren Akteuren konnte gezeigt werden, dass das Instrumentarium praxistauglich ist und nachweislich zur Verbesserung der Klimaresilienz sowie der Qualität von Grünräumen in der Stadtentwicklung beiträgt. [5]
Doppelte Innenentwicklung in Deutschland
In Deutschland ist der Flächenverbrauch für Siedlungs- und Verkehrsflächen trotz politischer Ziele weiterhin hoch und liegt auch 2023 deutlich über der angestrebten Marke. Als nachhaltiger Gegenansatz gilt die Doppelte Innenentwicklung, die neuen Wohnraum innerhalb bestehender Siedlungen schafft und zugleich Grünflächen erhält. Durch Nachverdichtung, Aufstockung und die Nutzung bereits versiegelter Flächen sollen Stadtränder geschützt sowie ökologische und soziale Funktionen gesichert werden. Beispiele aus Hamburg und Potsdam verdeutlichen sowohl problematische Siedlungsformen mit hohem Flächenverbrauch als auch erfolgreiche, flächensparende Entwicklungsansätze. [6]
Die politische Ökonomie der Nachverdichtung
Die „Business of Densification“ beschreibt gewinnorientierte Formen der Nachverdichtung, die unter dem Deckmantel ökologischer Effizienz soziale Ziele wie leistbaren Wohnraum, Kulturerhalt und Gemeinschaft schwächen. Nachverdichtung erfordert tiefgreifende Eingriffe in bestehende Nutzungsrechte und Interessen und wird daher zunehmend über aktive Landpolitik gesteuert. Anhand von Beispielen aus den Niederlanden und Schweiz wird gezeigt, dass Landpolitik kein neutrales Instrument ist, sondern progressive und neoliberale Elemente verbindet. Diese hybride Natur erzeugt Spannungen in der Umsetzung und verdeutlicht, dass Nachverdichtung immer ideologisch geprägt ist. Ohne ein bewusstes politisches Verständnis droht soziale Nachhaltigkeit hinter wirtschaftlichen Interessen zurückzutreten. [7]
Um den Flächenverbrauch zu verringern und nachhaltige, klimaresiliente Städte zu schaffen, gelten die kompakte Stadtentwicklung und die Nachverdichtung als zentrale Strategien. Solche Verdichtungsprozesse können jedoch städtische Grünflächen gefährden, weshalb ihr Erhalt, eine qualitative Aufwertung und die Bürgerbeteiligung von besonderer Bedeutung sind. In Wien und Deutschland demonstrieren Praxisbeispiele, dass integrierte Planungsinstrumente, Doppelte Innenentwicklung sowie Maßnahmen wie Begrünung, Entsiegelung oder Dachaufstockungen sowohl ökologische als auch soziale Funktionen gewährleisten können. Zugleich zeigen internationale Erfahrungen, dass die Nachverdichtung von politischen und wirtschaftlichen Faktoren beeinflusst wird, weshalb eine aktive Gestaltung der sozialen Nachhaltigkeit erforderlich ist.
Was kannst du auch machen?
- Nutze Bürgerbeteiligungen, Workshops oder Online-Plattformen, um eure Ideen und Bedürfnisse zu öffentlichen Räumen und Grünflächen zu äußern
- Setze dich für den Erhalt und die Pflege von Grün- und Gemeinschaftsflächen ein – sei es durch Engagement in Gartenprojekten, Nachbarschaftsinitiativen oder durch Patenschaften für Bäume und Parks
- Nutze Verkehrsmittel wie das Rad, das E-Bike oder den ÖPNV, die umweltfreundlich sind, um in stark urbanisierten Zonen den Verkehr zu vermindern und Raum für Grünflächen zu schaffen
- Um fundierte Meinungen einzubringen, informiere dich über die geplanten Stadtentwicklungsprojekte und deren Auswirkungen auf das Klima, die Grünflächen und die Lebensqualität
Quellen:
[1] S. 760, Haaland & Van Den Bosch, 2015
[2] Stadt Wien, 2025
[3] Stadt Wien, 2025
[4] S. 217, Cacciaguerra, G., 2015
[5] S. 8-9, Reinwald et al., 2021
[6] NABU – Naturschutzbund Deutschland
[7] S. 1, Gerber et al., 2025
Quellenverzeichnis:
Cacciaguerra, G. (2015). Urban re-densification and regeneration: 21st century city strategies. WIT Transactions on Ecology and the Environment, 1, 217–226. https://doi.org/10.2495/sdp150181
Gerber, J. D., Ay, D., Bouwmeester, J., Götze, V., Hartmann, T., Jehling, M., Nahrath, S., & Verheij, J. (2025). Why urban densification ignores the social dimension of sustainability. Urban Studies (Edinburgh, Scotland). https://doi.org/10.1177/00420980251386974
Haaland, C., & Van Den Bosch, C. K. (2015). Challenges and strategies for urban green-space planning in cities undergoing densification: A review. Urban Forestry & Urban Greening, 14(4), 760–771. https://doi.org/10.1016/j.ufug.2015.07.009
Reinwald, F., Brandenburg, C., Hinterkörner, P., Hollósi, B., Huber, C., Kainz, A., Kastner, J., Kraus, F., Liebl, U., Preiss, J. et al. MA 22 – Umweltschutz. (2021). Grüne und resiliente Stadt. In Berichte aus Energie- und Umweltforschung (Vol. 13). https://nachhaltigwirtschaften.at/resources/sdz_pdf/schriftenreihe-2021-13-gruene-resiliente-stadt.pdf
Stadt Wien. (2025). Mehr Platz zum Leben – öffentlicher Raum für alle. Regierungsabkommen 2025. https://www.wien.gv.at/spezial/regierungsabkommen2025/wiens-zukunft-nachhaltig-gestalten/mehr-platz-zum-leben-offentlicher-raum-fur-alle/ [25.02.2026]
Städte gut entwickeln – so grün wie möglich, so dicht wie nötig – NABU. NABU – Naturschutzbund Deutschland e.V. https://www.nabu.de/umwelt-und-ressourcen/bauen/hintergrund/innenentwicklungversusgr%C3%BCn.html [25.02.2026]
Sonya Shtereva
Das Schreiben begeistert mich, weil es mir die Möglichkeit bietet, komplexe gesellschaftliche und politische Themen greifbar zu machen und unterschiedliche Perspektiven zusammenzuführen. Als Studentin der Publizistik- und Kommunikationswissenschaft interessiere ich mich besonders für aktuelle Entwicklungen – etwa im Bereich Umwelt, Gesellschaft und Politik – und nutze das Schreiben, um meine Recherchen und Überzeugungen fundiert und reflektiert einzubringen.